Der Blog vom Perser

February 27, 2007 · Leave a Comment

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Die Jagd nach dem goldenen Sombrero

February 27, 2007 · Leave a Comment

„Die Jagd nach dem goldenen Sombrero“

Ein Lustspiel in vierzehn Akten von:

S. Kermani (Kap. 4, 8 und 14)
A. Litschel (Kap. 5 und 9)
P. Kachel (Kap. 2, 6, 11 und 13)
P. Bender (Kap. 3, 7, 10 und 12)

Arbeit Kreatives Schreiben im Dezember 2006
Jahrgangsstufe 12.1

Info: Jeder von uns erwählte eine der vier Hauptpersonen, die
dann jeweils individuell durch den Plot geführt wurden.
Das reale Namen hier und da Verwendung finden, ist reiner Zufall.
Das hier fehlende erste Kapitel ist das, was uns bereits im Unterricht ausgehändigt worden war. Die anderen Kapitel schließen sich daran an (hoffentlich nahtlos!).

Kapitel II (Aaron Hunt)

Die Festnahme

Die Tür wurde ruckartig geöffnet und Police Officer Aaron Hunt wurde ein Blick auf den Mann gewährt, dem der grauenhafte Mord vorgeworfen wurde. Aus seinen kleinen Schweinsäuglein blickte Jake Longdong dem Officer entgegen. Er sah grauenhaft aus. Sein fettes Gesicht war verquollen, was auf einen immensen Alkoholkonsum deutete, und die wenigen Haare, die Aarons Gegenüber besaß, lagen kreuz und quer in fettigen Strähnen über seinen Kopf verteilt. An der Stelle, wo die meisten Menschen ein Kinn besaßen, hatte dieser Longdong gleich drei von der Sorte und die Ohren standen derart weit vom Kopf ab, dass Hunt unweigerlich an einen zum Menschen gewordenen Dumbo denken musste. Nicht nur diese Eigenschaft schien sich Jake mit dem Elefanten zu teilen, denn an Körperfülle stand er dem Tier in nichts nach. Der Bauch hing unter dem öligen Feinrip Unterhemd wie eine Schürze herunter. Eine Hose wie diese hatte Aaron zwar schon oft genug gesehen, nur waren diese Zeiten seit fast 20 Jahren vorüber. Jake trug eine blassviolette Jogginghose, die an mehreren Stellen nur notdürftig mit Tesafilm geflickt war.
„Jake Longdong, nehme ich an?“, erkundigte sich Aaron nach dem Namen des Mörders.
Als sich der Blick Jakes klärte, las der Officer ein plötzliches Erkennen und sofort darauf einen großen Schrecken darin. Er wirbelte mit einer Geschwindigkeit herum, die dem Officer ob Jakes Körperbau unbegreiflich war, und versuchte, durch den mit Unrat verzierten Hausflur zu entkommen. Ein sehr mutiger Versuch, dachte Aaron, denn wo man nur hinsah lagen leere Flaschen und verschimmelnde Pizzakartons über den kompletten Boden verstreut. Es war ihm ein Rätsel, wie Jake die ersten Meter zurücklegen konnte, ohne auf ernsthafte Probleme zu stoßen, was sein Fortkommen anbelangte…wie gesagt: Die ersten Meter.
Denn kaum hatte Hunt diesen Gedanken zu Ende geführt, da stolperte Longdong auch schon über eine der leeren Flaschen und fiel lang zu Boden.
„Keine Bewegung, Longdong. Sie sind vorläufig wegen Mordverdacht festgenommen. Sie haben das Recht zu Schweigen!“, brüllte Lou, einer von Aarons Deputies. Der Officer bedachte ihn mit einem finsteren Blick, denn eigentlich war er es, dem diese Floskel normalerweise zustand. Doch die Worte des Deputys waren umsonst, denn offensichtlich hatte Jake Longdong das Bewusstsein verloren, denn weder rührte er sich, noch machte er sonst irgendwelche Anstalten auf das Gesagte zu reagieren.
„Kümmere dich um Verstärkung, Carl, zu dritt werden wir diesen Koloss keine zwei Meter weit tragen können“, sprach Hunt und der Angesprochene reagierte sofort und zog sein Mobiltelefon aus der Tasche.
Das soll also der Mann sein, der für den brutalen Mord an diesem Justin verantwortlich ist?, dachte Aaron finster. Na warte, du wirst dich noch freuen, wenn du wieder zu dir kommst!, lachte er höhnisch in sich hinein.
Jake würde sich freuen, wenn er in der Zelle des schwulen Frauenmörders Bernie aufwachen würde. Wieder lachte Aaron Hunt finster…

Kapitel III (Jake)

Von Schwuchteln und Mauleseln

Ein Gummibärchen quillt in einem Wasserglas auf. Bildwechsel.
Ein Pavianmännchen schwängert ein Pavianweibchen. Bildwechsel.
Ein süßes Kalb wird mit einer Bolzenschusspistole niedergestreckt
und hat Kopfschmerzen…elende, fiese Kopfschmerzen…

Dann wachte Jake auf. Sein Kopf dröhnte vor Schmerzen und sein ganzer
Körper war nass geschwitzt. Seine Haut klebte förmlich an einem billigen
PVC-Boden, der wie feinster Parkettboden wirken sollte. Außerdem lief sein linkes Nasenloch und Jake fiel wieder ein, dass er sich aus seinem letzten Taschentuch am Abend zuvor einen schönen, würzigen Joint gedreht hatte. Das bereute er jetzt schon ein bißchen.
Benommen hob er seinen schweren Kopf und blickte sich mit verschwommenem Blick in seiner Gefängniszelle um. Man hatte ihn wohl einfach auf diesen schlechten Plastikboden gelegt und irgendein Spaßvogel hatte ihm einen Teddybären in den Nacken gelegt. Aber diese Bär lächelte nicht, sondern fletschte seine kleinen Plastikbeißer. Außerdem trug er eine kleine Ledermaske und etwas, das aussah wie Plateaustiefel.
Jake wurde sofort mulmig zumute. Vorsichtig rappelte er sich auf, denn er wollte herausfinden, ob er alleine in der Zelle hauste.
Dann, als er sich wankend aufgerichtet hatte, stellte er fest, dass seine verfrorenen Füße in Pantoffeln steckten, die wie blauen Hundeköpfe aussahen und ihn von unten verspielt (und irgendwie dämlich) anlächelten. Jake musste unweigerlich grinsen und beschränkt wie er war, ließ er sich einen Tennisball vor die Füße fallen, nur um zu gucken, ob die fröhlichen Köter danach schnappen würden. Aber er wurde enttäuscht.
Lustlos wandelte er daraufhin durch den doch recht komfortablen Gefängnisbunker und er erkannte, dass er nicht alleine dort wohnte: Die obere Pritsche des an der Wand stehenden Hochbettes war mit einer Britney-Spears-Bettwäsche bezogen und ein Filmposter an der kalten Steinwand verriet, dass sein Zellenkumpel auf „Der Pferdeflüsterer“ stand.
Das konnte ja heiter werden!
Um die in ihm aufwallende Panik zu unterdrücken, ging er in Richtung der kleinen Waschnische und betrachtete, was sein zukünftiger Peiniger so alles in seinem Kulturbeutel mit sich trug. Inständig hoffte er, dass dieser keine Rasierklinge dabei hatte.
In einem versifften Spiegel, der über einem kleinen Waschbecken angebracht war, nahm sich Jake jedoch eine Minute Zeit und beobachtete seine Erscheinung.
Er war wohl nie ein schöner Mensch gewesen, aber ein Mensch mit Charakter.
Mit seiner dicken Bierwampe und seinem Feinripp-Shirt, das hastig in die lila Jogginghose
Gesteckt worden war, sah er eigentlich eher wie ein Kirmesboxer oder Talkshow-Gast aus.
Egal, immerhin konnte er das gesamte Alphabet rülpsen und das war es, was den Frauen so imponierte. So hatte er auch damals Sarah kennengelernt… Nun aber betrachtete er das Waschnecessaire seines Mitbewohners.
Das Glück schien auf seiner Seite zu stehen: Außer einem Farbfoto von Black Beauty, das Jake aus destruktiver Langeweile gleich zerriss, und einem Döschen der Uschi-Glas-Gesichtscrème fand er nichts Gefährliches.
Die Crème aber sollte ihm jetzt nützlich sein:
Großzügig patschte er mit einem seiner Hundeschuhe in die übelriechende Tinktur und verstricht diese rund um sein kleines vergittertes Zellenfenster.
Nun, so hoffte der Ärmste, würde das teuflische Produkt seine wahre Macht entfalten und eine Öffnung in die massive Steinwand ätzen. Schon heute Abend würde Jake wieder in seinem Lieblingsfernsehsessel sitzen und GZSZ gucken können.

Entspannt legte er sich auf die untere Pritsche und bemerkte, dass sein Kollege Busenheftchen unter seinem oberen Lattenrost versteckt hielt und gelangweilt wie er war, nahm er sich das Erstbeste. Er war ja schließlich nicht zum Spaß hier!
Die Freude war schnell vorbei als Jake erkannte, dass sein Kumpane den leichtbekleideten Frauen in den Magazinen Penisse in den Schritt gekritzelt hatte und Sprechblasen, in denen so etwas Lustiges stand wie: „Lass mich dein Matrose sein!“ oder „Nur junges Gemüse in der hinteren Kombüse!“
Mit einem lauten Aufschrei schmiss er die Illustrierte fort und der Schweiss brach ihm aus. Als er aber versuchte aufzuspringen um die Gitterstäbe durchzunagen, stieß er sich heftig den Kopf am Metallrahmen des Hochbetts und war sofort ohnmächtig.
In seinen Träumen erlebte er seine jüngste Vergangenheit nocheinmal (jedenfalls teilweise):
Er sah sich, Trevis, Klaas und Justin im „Kabautermann“ beim Stiefelsaufen und er musste innerlich grinsen, als sich Trevis auf den Tisch erbrach…Laut singend und lallend wankten sie durch die dunklen Gassen und Trevis erbrach sich in einen Müllcontainer…Plötzlich verließ Justin die heitere Gruppe und Trevis erbrach sich auf sich selbst…Er sah den fetten Polizisten in seiner Wohnungstür stehen und er wollte nur noch fliehen…Sarah schrie…Eine leere Schnapsflasche kam ihm unter den rechten Fuß…Trevis erbrach sich vermutlich irgendwo zu Hause oder im Puff…Dann ein ohrenbetäubendes Rascheln…ein Klirren…
Ein schrilles Lachen riss ihn aus seinen unruhigen Träumen und Jake war sofort hellwach. An der Gittertür seiner Zelle stand ein großer behaarter Mann, der sich lässig-frivol ein rosa Badetuch um den massigen Wanst geschwungen hatte, und der nun penetrant einen Metallbecher an den eisernen Stäben entlangzog und so für widerwärtigen Lärm sorgte.
Erregt grinste er Jake an und wartete nur darauf, dass ein Officer ihm die Tür aufschloss.
„Hi, ich bin Bernie! Schön dich kennenzulernen, Süßer!“, säuselte er verliebt.
Unweigerlich kniff Jake seine Pobacken zusammen und sprang auf. Ohne einen Gedanken zu verschwenden hechtete er zum Gitterfenster und schrie wie am Spieß. Beinahe wäre er mit seinen Hundepantoffeln ausgerutscht.
Plötzlich, die Schwulette hinter ihm wollte gerade loslachen, ergriff ein furchtbarer Ruck das gesamte Gebäude und Jake vernahm ein Bröckeln und irgend jemand gab vor dem Fenster lautstark Anweisungen.
Dann war der Spuk wieder vorbei und man hörte ein wirres Kichern und ein
„Verfluchte Scheiße!“. Jake blickte sich um und sah, wie ein Trupp Polizisten an seiner Zelle vorbei rannte. Selbst Bernie, der einer alternativen Sexualität frönte (um es politisch korrekt auszudrücken) , stand wie angewurzelt da und blickte dumm.
Als Jake gerade aus dem Fenster lugen wollte, um die Ursache für diesen Hops festzustellen, traf ihn ein kleiner metallischer Gegenstand an der Schläfe und verstärkte seinen dicken Kopf nur noch. Es folgten mehrere dieser gefährlichen Wurfgeschosse, aber Jake wollte plötzlich Luftsprünge machen, als er bemerkte, dass die kleinen Dinger stabile Metallhaken waren, die sich fest um die Gitterstäbe legten. Von draußen vernahm man wieder diesen gebieterischen aber irgendwie vertrauten, Befehlston und das Fenster vor Jake wurde mit einem kräftigen Ruck aus der Wand gerissen.
Das Sonnenlicht blendete ihn und sein Ex-Zellenpartner schluchzte merklich. Jake blickte auf ein fruchtbare grüne Wiese, und unweigerlich rannte er zum Wasserhahn, um den fetten Kopf mit kühlem Nass zur Besinnung zu bringen. Aber dies war keine Fata Morgana gewesen!

Durch das entstandene Loch in der Zellenwand konnte Jake seinen kleinen Bruder Trevis erkennen, der wie ein Dorftrottel (der er ja auch war) einen Freudentanz aufführte. Etwa zehn Pferde, denen er ungelenk die Schlingen um die Hälse gelegt hatte, an denen die kleinen Haken befestigt waren, standen neben ihm und hechelten vor Überanstrengung.
Blitzartig sprang Jake aus dem Fenster und hielt seinem verblödeten Bruder den Mund zu: „Halt den Rand“, flüsterte er. „Soll uns denn gleich das ganze Revier hören? Jetzt pack deine Pferde und wir verschwinden!“ Schnell blickte er über seine Schulter und sah, dass Trevis auch die Wand der Nachbarzelle herausgerissen hatte.
Mit der flachen Hand haute er sich vor die Stirn und wollte losrennen.
„Das sind keine Pferde, das sind Maulesel!“, korrigierte ihn Trevis fröhlich und klatschte in die Hände. „Halt die Fresse, du Esel, sonst hau ich dir auf’s Maul!“, entgegnete Jake schlagfertig und packte seinen beleidigten Bruder an der Schulter.
Dieser schlug jedem Maulvieh einzeln auf den Hintern und die Biester verteilten sich in alle Himmelsrichtungen und als ob der Teufel hinter ihnen her wäre, rannten die beiden Ganoven in eine finstere Seitenstraße, wo die Bullen sie niemals finden würden. Blöderweise fiel Trevis dabei zweimal über seine offenen Schnürsenkel und brachte Jake fast zur Verzweiflung.
So war sein erster richtiger Einfall in Freiheit der, dass Trevis unbedingt bald Klettverschlüsse bräuchte. Er konnte es kaum fassen, dass er seinem blöden Bruder nun dankbar sein musste.
Trevis aber sprang quietschfidel die Gasse hinunter und stimmte David Hasselhoffs „I’ve been looking for freedom“ an. Jake seufzte und war gespannt, wohin ihn sein apathischer Bruder nun wieder führen würde.

Kapitel IV (Trevis)

Trevis und der Superplan

Trevis Longdong war ein ungefähr zwei Meter großer, übergewichtiger Mann mitte dreißig. Er hatte eine dicke Nase, ein unförmiges Kinn und sehr dicke Lippen, die pausenlos irgendein wirres Gequassel formulierten. Sein Oberkiefer stand leicht vor und zwischen seinen gelben Zähnen rann kontinuierlich der Speichel hinab. Seine Augen wurden durch eine leicht verbogene Brille stark vergrößert, vor allem das rechte Auge wurde durch die Dicke des Glases stark akzentuiert. In der Regel zog sich ein recht dümmliches Grinsen über dieses wahrhaftige „Gesichtmüsli”.
Trevis pflegte sich in Hose und Pullover zu kleiden, auf welchen meist sehr infantile Motive prangten. Außerdem trug er stets seine roten Lieblingsturnshuhe, welche mit weißen, in der Doppelknotentechnik geschnürten, Schnürsenkeln geschnürt waren. Sein ganzer kleidsamer Stolz bestand jedoch aus seiner kleinen rot-weiß gestreiften Propellermütze. Diese hatte er von seinem Onkel, dem Bürgermeister, geschenkt bekommen, da er immer Astronaut werden wollte und somit das fliegen lernen sollte. Den Flugversuchen hatte er sich auch oft mehr oder minder erfolgreich gewidmet. Lediglich an der Landetechnik musste er, wie er sagte, noch etwas feilen, da diese meistens mit einem schmerzhaften Sturz auf den harten Boden endeten.
Trevis hatte soeben einen Plan geschmiedet, wie er seinen geliebten Bruder Jake aus dem Gefängnis befreien würde. Seine Antipathie gegenüber den “bösen Polizeimännern mit den Schießgewehren” nahm ungeahnte Ausmaße an, als er von Jakes Gefangennahme hörte. Jedenfalls bestand sein Plan aus einer tollkühnen Aneignung der Pferde des Bauern Söhnke und dem Herausreißen des Gefängnisfensters mit deren Kraft. Also sprang er unter einem lauten “Tadaaah” von seinem, in Winnie-Pooh-Bettwäsche gehüllten Bett auf und nahm Anlauf in Richtung Fenster. Er hatte sich überlegt, dass der schnellste Weg zum Bauernhof wohl der Flug sei.
Nachdem er unter einem lauten Getöse durch das Fenster gesprungen war, stellte er fest, dass es wohl listig gewesen wäre, dieses vorher zu öffnen. Doch nun war es dafür zu spät und sein durch die Scherben zerschnittenes Gesicht war blutüberströmt. Doch Trevis hatte einen recht robusten Schädel und ignorierte so die Schmerzen, welche wohl jeden anderen betäubt hätten. Doch unweigerlich wurde er schon mit den unwiderruflichen Eigenheiten der Schwerkraft konfrontiert und “flog” dem harten, gepflasterten Boden mit rasanter Geschwindigkeit entgegen. Zu seinem Entsetzen entdeckte er unter sich eine junge Frau mit Kinderwagen. Sein enorm großer Schatten breitete sich über die Frau aus, welche nun verdutzt nach oben schaute, um den Grund für den Lichtwechsel zu determinieren. Zu verdutzt um zu schreien, schaute die Frau ihn für den Bruchteil einer Sekunde einfach nur ungläubig an. „Weg da!”, brüllte Trevis, welcher dank seines kurzen Höhenfluges in ein dümmliches Grinsen verfallen war. Dieses verfiel jedoch in dem Moment, als sein kolossaler Körper wenige Zentimeter neben der Frau zu Boden ging. Man hörte einen dumpfen Ton beim Aufschlag und das Brechen des Pflastersteins unter ihm. Leicht verwirrt rappelte er sich wieder auf und guckte einige Sekunden orientierungslos durch die Gegend, als er auch schon über seine offenen Schnürsenkel stolperte und mit seinem dicken Schädel geradewegs im Kinderwagen landete. Ein Schrei der Frau, ein Biss in seine Nase von Seiten des Babys im Kinderwagen und schon packten ihn die starken Arme eines Mannes, welcher ihn zu Boden warf und ihm nocheinmal kräftig in den Magen trat. Der Mann nahm die Frau in den Arm und ging mit dem Kinderwagen von dannen. Nach einigen Minuten der Regungslosigkeit stand Trevis mühsam wieder auf und beschloß, dass eine Busfahrt wohl weniger Risiken bergen würde.
Also stieg er nach kurzer Wartezeit in den Bus. Alle begrüßten ihn, da Trevis in dieser Linie eine durchaus bekannte Persönlichkeit war. Nachdem er sein Ticket erhalten hatte, dankte er dem Busfahrer zum wiederholten Male und setzte sich auf den vorderen, linken Sitzplatz. Die langweilige Fahrtzeit schlug er mit lautem Gesang tot. Alle Mitfahrer verabschiedeten sich von ihm und er stieg aus. Sein um den Hals geschlungenes und als Umhang missbrauchtes, rotes Bettuch schwang im Wind, als er mit einem Affenzahn und unter der laut gesungenen Melodie von Supermann (Daadaaaada, ihr wisst schon…) auf den Bauernhof zurannte. Nachdem er verzweifelt alles nach Pferden abgesucht hatte, entschloss er sich dazu, sich mit Mauleseln zufriedenzugeben und band ihrer zehn an der Zahl mit einem mitgebrachten Seil fest. Nachdem er die störrischen Maulesel mit aller Kraft zum Gefängnis gezerrt hatte, band er das Seil mit einem Haken an den Gitterstäben eines Fensters fest. Er heizte die Maulesel an und mit vereinter Kraft rissen sie das Fenster und einiges an Mauerwerk heraus. Aus der Zelle sprang ein merkwürdiger Mann, dessen Gesicht durch eine Maske mit Maulkorb verdeckt war. „Endlich, Dr. Hannibal ist wieder frei!!”, rief dieser und rannte aus der Zelle. „Danke mein Freund, wie kann ich dir bloß danken?”, fragte er. „Sag mir einfach wo mein Bruder Jake ist.”, antwortete Trevis. „Oh, der ist eine Zelle weiter links!”.
Nachdem er die zweite Zellenwand bearbeitet hatte, war auch Jake frei. Ein fröhliches Grinsen breitete sich über Trevis‘ Gesicht und der Speichel tropfte ihm auf seinen roten Superman-Pullover. Wie der Blitz stolperten sie (Trevis flog wiederholt über seine Schnürsenkel) in eine finstere Seitenstraße und in Richtung des Stadtparkes. Trevis wollte die Freiheit seines Bruders unbedingt zusammen mit seinem Pennerfreund Thorsten feiern.

Kapitel V (Sarah)

Fröhliches Erwachen

„Wie? Was? Wo bin ich?”, fragte sich Sarah, als sie ihren dicken, runden Kopf vom klebrigen Boden der Küche erhob. Benommen schielte sie grelle Licht der Leuchtstoffröhre, als sie so langsam begriff, was mit ihr geschehen sein musste.
Während sie nämlich am vergangenen Abend die Special-Case-Liveübertragung ihrer Lieblingssendung “Notruf” auf RTL verfolgte, wurde sie, zusammen mit Millionen anderer Zuschauer Zeugin eines grausamen Geschehens. Spannung, packende Action und dieser Hauch von Liebe lagen einmal wieder in der Luft, als Hans Meiser, ihr Inbegriff für heißen Sex und prickelnde Erotik, plötzlich bei einer Reportage aus den Great Planes vom größten Mähdrescher der Welt, dem R. Calmund 268, erfasst und in handliche Stücke zerlegt wurde. Vollkommen überfordert mit der gesamten Situation und nicht wissend, was als nächstes zu tun war, sprangen zehn weitere Mitarbeiter des Fernsehteams in die Klauen dieses Ungeheuers und verteilten sich gleichmäßig über die Getreidevorräte. Ganze sechs Stunden war das nun her, doch der Schmerz über den Verlust saß noch immer tief…
„Hans Meiser! Wieso zur Hölle musste es nur immer die falschen Männer treffen?”, dachte sie verzweifelt, als sie sich zum wiederholten Male mit der Fingern ihr linkes Auge penetrierte, um sich vom kitzelnden Schlafsand zu befreien. „Könnte so etwas nicht mal Jake, dem stinkenden Parasiten passieren?”
A propos Jake, wo war der eigentlich? Vorsichtig richtete sie ihren Oberkörper auf, wobei sich, dank jahrelangen Trainings und der Hilfe der Jack La Lane Eiweißpräperate, ihre beachtliche Muskulatur auf der Rückseite ihres Shirts abzeichnete. Ja, sie war schon ein Bild von einer Frau, was dem interessierten Betrachter noch besser auffiel, als sie schließlich auch ihr durchaus gebährfreudiges Becken vom Boden erhob. „Jake? Jake!?”, hallte es fragend durch die Wohnung am östlichen Ende des sozialen Brennpunkts der Stadt.
Aber wenigstens konnte Sarah hier ihrem geliebten Hobby (dem Nacktorgeln) nachgehen, da sie bei weitem nicht die einzig nudistisch veranlagte Person in dieser Gegend war. „Wo ist der Typ nur?” Sie duchsuchte alle Räume, sogar die zwei begehbaren Mülltonnen, die sie letztes Jahr zu seinem Geburtstag extra hatte einrichten lassen und die Jake in Zeiten der Trauer und des Frusts einen trostspendenden Zufluchtsort boten. Einzig ein Unterhemd mit einem feucht-blutigen Fleck in der Mitte deutete darauf hin, dass er noch nicht allzu lange weg sein konnte.
Das Letzte, was sie von ihm wahrgenommen hatte, war, dass er ins Bad gegangen war, den Wasserhahn aufgedreht und 20 Sekunden lang gewartet hatte, die das Wasser brauchte, um sich von brauner in gelbe und schließlich in klare Flüssigkeit zu verwandeln. „Die Ampel” nannten sie diesen Effekt scherzhaft, wobei die erste, braune Flüssigkeit einen erstaunlichen Anteil an Nährstoffen enthalten und bei Stuhlproblemen wahre Wunder wirken sollte.
Zuvor war er von einem seiner ominösen Männerabende mit seinen Kumpels zurückgekehrt und hatte ihr mit seinem blutverschmierten Gesicht einen erfreulichen Anblick geboten, da dies nur allzu gut in ihren diabolischen Plan passte. Besser hätte es für sie gar nicht laufen können: Erst der Streit letzte Woche zwischen ihm und Justin und dann berichtet er auch noch wie dieser ihn gelinkt haben soll und das alles am Tag Justins Todes. Das sah nicht gut aus für Jake…
Plötzlich entdeckte sie eine geheimnisvolle Nachricht an der Tür des Apartments. Noch bevor sie zu lesen begann, stellte sie zu ihrem Erschrecken fest, dass der Brief nicht mit normaler Tinte geschrieben sein konnte. Das war etwas anderes… Sie roch, leckte und fühlte mehrmals über die Schrift, überlegte, schwieg und ging aufs Klo. „Erst mal kacken!”, war ihr erster Gedanke und kaum hatte sie auf der Schüssel Platz genommen, schoß es aus ihr heraus wie ein ungewollter Brechanfall: „BLUÄHT (Blut)! Das ist BLUÄHT (Blut)!”. Und wenn ihr sensibler Gaumen sich nicht um alles täuschte, war es feinstes Rinderblut, ´04er Jahrgang, ziemlich weich im Abgang, wahrscheinlich im Barriquefass gereift. Als langjährige Wurstfachverkäuferin, deutsche Meisterin im Schlachten, worin sie bis heute den Rekord von 92 Rindern in einer Minute hielt, und Miss Blutwurst 1992/93 wusste sie das natürlich und galt in der Szene der Soumeliers und Kenner als eine Art Star. Da bedeutende Titel wie dieser natürlich einen bleibenden Eindruck im Lebenslauf hinterlassen, kam ihr außerdem die große Ehre zuteil, den großen Anti-Vegetarier-Putsch vor zwei Jahren anzuführen, sowie für ihr außergewöhnliches Engagement den WWW-Award (Womens-World-Wurst-Award) entgegenzunehmen.
Sie begann zu lesen und der Inhalt des Briefes sollte ihre Freude über die glücklichen Umstände der vergangenen Nacht noch weiter steigern: „Hallo Mrs. Longdong, STOP, wir haben ihren Mann, STOP, festgenommen, STOP. Brauchen ihre Aussage, STOP!“
Blitze, Donner und die Flügelschläge tausender Fledermäuse, die gerade durch den Hausflur flogen, begleiteten Sarahs markerschütterndes Lachen, welches die Fenster zerspringen ließ. Sie flüchtete sich in ihr Schlafzimmer und schwebte durch das Fenster in den naheliegenden Walpurgiswald.

Kapitel VI (Aaron Hunt)

Sechs Fäuste für ein Halleluja (und im Arsch ein Trötchen)

Mit schwerem Schritte stieg Aaron die kalte, graue Steintreppe zum Gefängnis hinab, um sich nach dem Wohlbefinden des Gefangenen zu erkundigen. Unterwegs kam ihm sein aufgebracht wirkender Kollege Deputy Lou entgegen und wedelte hektisch mit den Zellenschlüsseln herum, während er versuchte, ihm auf ziemlich unverständliche Weise klarzumachen, was er gleich zu sehen bekommen würde.
Aaron erreichte den Zellenblock, blickte in die Zelle, in die er Jake verfrachtet hatte und sah eine schöne grüne Wiese, auf denen die Schafe freundlich miteinander zu spielen schienen…Eine Wiese?! Aaron Hunt hätte eine graue Rückwand erwartet, die vor Dreck nur so starrte, aber eben jene Zellenwand schien komplett aus dem Gebäude gerissen zu sein. Fast erleichtert stellte Hunt fest, dass es nicht Jake Longdongs Unterkunft war, die dermaßen beschädigt wurde, sondern lediglich die des geistesgestörten Serienmörders Dr. Hannibal Lector. Aaron atmete zum wiederholten Male erleichtert auf.
Die Stimme Carls riss ihn aus seinen Gedanken: „Ähm…Boss?”, fragte dieser vorsichtig.
„Was gibt’s?”, antwortete der Angesprochene lauernd.
„Der Gefangene…”
„Ist weg, das sehe ich”, vollendete der Officer den Satz und zündete sich eine Zigarre an.
„Jake, unser Mordverdächtiger, konnte auch fliehen…”, wimmerte Carl kleinlaut.
Das Gesicht Hunts verdüsterte sich bei diesen Worten und er erkannte, einen Blick in die nächstliegende Zelle werfend, dass auch diese auf ähnliche Art und Weise beschädigt wurde. Allerdings war nur einer der Ganoven weg, und das war Jake. Bernie war damit beschäftigt seine Modern Talking Poster fein säuberlich und mit pedantischer Genauigkeit von den Wänden loszulösen, zu falten und sie in eine mit rosafarbenem Plüsch ausstaffierten Reisetasche zu verstauen.
„Was ist mit Bernie da?“, fragte Aaron, während er auf den Perversen deutete. Rauch entrann seinen Nüstern.
Als Bernie seinen Namen hörte, wirbelte er herum und versuchte Hals über Kopf aus dem Gefängnis zu entkommen, wobei er mit dem Kopf an das restliche Mauerwerk stieß und mit einem seufzenden Laut zu Boden ging, wo er bewusstlos liegen blieb. Nun war die Zeit für Aaron gekommen, seine volle Autorität auszuspielen.
„Und ihr schimpft euch Polizisten? Ihr seid unfähige, verblödete Nichtsnutze, die nicht mal ein paar versoffene, brutale Killer bewachen können!“, brauste die Stimme des Officers auf und er verschluckte seinen Zigarrenstumpen. Lässig klopfte er sich aber nur auf die Brust und ließ einen rauchigen Furz.
Er war so in seine Ansprache vertieft, dass er nicht merkte, wie Bernie wieder zu sich kam und mit dem weitermachte, was er eben nicht beenden konnte: Er sammelte seine Poster ein. Danach band er sich die Schuhe, spazierte seelenruhig aus seiner Zelle nach draußen und verschwand irgendwo hinter der Wiese aus dem Blickfeld der Polizisten, die der Schelte des Officers ausgesetzt waren.
„Jungs, das kann so nicht weitergehen“, setze Aaron seine Ansprache mit einem traurigen Kopfschütteln fort. „Das ist nun schon der fünfte Ausbruch diese Woche. Ich verlange, dass ihr die ganze Sache wieder in Ordnung bringt und über das nachdenkt, was ihr getan habt oder besser hättet tun sollen.
Und jetzt bringt mir die kleine Nutte aus dem Hafen, ich will sie nochmal wegen der Schmuggelsache verhören. Außerdem will ich nachher den Bericht auf meinem Schreibtisch finden, hab ich mich da klar ausgedrückt?“, fragte Hunt abschließend.
Einer der Männer schien etwas sagen zu wollen und machte eine obszöne Geste, doch Aaron brachte ihn mit einer herrischen Geste zum Schweigen. Dabei grinste er aber frivol und nahm die Pornoheftchen unter Bernies Lattenrost mit als Beweise (versteht sich!).
Als er den Hochsicherheitstrakt verließ, schwirrten ihm tausende von Gedanken durch den Kopf. Schließlich konnte man dieses brutale Ungeheuer nicht auf die Menschheit loslassen. Und so fühlte sich Officer Aaron Hunt persönlich dazu berufen, den Mörder wieder einzufangen und hinter Schloss und Riegel zu bringen.
Doch zuvor würde er noch Zeit haben, sich den angenehmeren Dingen der Polizeiarbeit zuzuwenden, wie zum Beispiel eine Patrouille durch den Rotlichtbezirk der Stadt oder die Misshandlung irgendeines Säufers. Vielleicht würde er auch einfach irgendeinem Farbigen die Scheiße aus dem Leib prügeln, nur weil dieser zu schnell gefahren war.

Kapitel VII (Jake)

Immer Ärger mit den Frauen

Endlich war Jake wieder allein und das Beste war: Er war frei und betrunken!
Nachdem sein minderbemittelter Bruder in aus diesem Ekel-Knast geholt hatte, waren die
beiden erstmal in den Stadtpark gegangen, weil sich Trevis noch mit einem Kumpel treffen
wollte. Dieser Kumpel hieß Thorsten und wohnte als Penner in einem Karton-Iglu, das er sich in mühevoller Bastelarbeit einst gebaut hatte. Eigentlich widerstrebte es Jake zutiefst mit den armseligen Pennbrüdern von Trevis Zeit zu vergeuden, aber überraschenderweise war dieser Thorsten ein echter Entertainer. Nicht nur, dass er höchst illegal und gesundheitsschädigend
aus Tannenzapfen und Löwenzahn scharfen Alkohol mit Hilfe einer alten Blechgießkanne brannte, sondern er konnte zudem unglaublich gut Loriot-Sketche nachspielen und seine Lieblingsfilmzitate waren die aus „Dinner For One“. So wurden es drei höchst amüsante
Stunden, in denen die drei frierend und sturzbetrunken in dem Pappiglu hausten und Jake war schwer ums Herz, als er dieses mit seiner billigen Zigarre, die er sich unüberlegt ansteckte,
abbrannte. Nur gut, dass sich Thorsten bereits in die Welt namens „Delirium“ begeben hatte und diesen Fauxpas gar nicht realisierte! Nun aber schlurfte Jake in Richtung seiner Wohnung und dachte an Lasagne und Dosenbier.
Plötzlich aber musste er doch an Sarah denken und wie verwirrt und unglücklich sie sein musste, dass er am Morgen einfach so verschwunden war. Eigentlich sollte er sie, wenn er länger als vier Stunden wegblieb, immer anrufen und ihr Honig ums Maul schmieren (Jake war eben ein „emanzipierter“ Gauner). Er musste schnell zurück zu ihr und so nahm Jake die Beine in die Hand. Außerdem hatte er morgens vermutlich den Herd der gemeinsamen Wohnung angelassen und er machte sich sorgen, ob er Sarah seine leere Butterbrotsschatulle
vom Vortag ausgehändigt hatte.

Als er endlich an seinem Wohnkomplex in einem der düstereren Viertel (düster, weil die Mieter ihre Stromrechnung nicht zahlen konnten) ankam, traf er seine senile Nachbarin
Frau Kowalski, die gerade auf dem Bürgersteig eine schwarze Katze streichelte und mit Murmeln spielte.
Frau Kowalski war eine Katzennärrin. In ihrer viel zu kleinen Wohnung hielt sie mindestens
zwanzig Katzen aller Farben und Rassen. Und jetzt stellen Sie sich bitte einmal vor, wie zwanzig geschlechtsreife Katzentiere und eine inkontinente Frührentnerin in einer Bude hausen: Richtig, es riecht wie in einer Militärlatrine und die Blümchentapete wellt sich.
Wenigstens war Frau Kowalski harmlos und ihre Biester sorgten dafür, dass das Haus frei von
Ratten und Meerschweinchen war.
Freundlich wünschte Jake einen guten Tag und die alte Kowalski schnurrte zur Begrüßung.
Wie von der Polizei gejagt (und weil er den komischen Geruch der Nachbarin schnell hinter
sich lassen wollte) raste Jake das Treppenhaus hinauf und wäre fast über seinen turkmenischen Untermieter gefallen, der offenbar auf den Stufen seinen Rausch ausschlief.
Jakes Herz schlug schneller und immer schneller, nicht, weil der Besoffenene anscheinend seine Türklingel abgerissen hatte, sondern weil er Angst davor hatte, wie Sarah reagieren würde, wenn er jetzt rotzbesoffen und übelriechend vor der Tür stand (Jake war eben ein
„über-emanzipierter“ Gauner, na und?). Und außerdem: Warum hatte sie am Morgen in der Küche so markerschütternd schreien müssen und warum hatte sie ihm nicht geholfen, als die Polizisten ihn bedrängten? Schüchtern klopfte er an das billige Holz ihrer Wohnungstür,
dann klopfte er etwas fester und dann trommelte er schließlich mit beiden Händen gegen das instabile Konstrukt und rief ihren Namen. Er musste nämlich plötzlich dringend auf Toilette.
„Schatz, ich bin’s! Mach schnell auf! Da kündigt sich was mit ganz großen Schritten an!!!“
Eine bleiche, erschrocken wirkende Sarah öffnete die Tür: „Jake…ich…du…du bist wieder frei! Was ist denn passiert, ich meine, was ist denn passiert?“
Aber Jake hatte ihr bereits seine dreckige Wäsche in die Arme gedrückt und war im Badezimmer verschwunden.

Nachdem er sich des Dämons entledigt hatte, der keine Miete zahlte, saß Jake noch lange auf der Brille und dachte darüber nach, was ihm überhaupt in den vergangenen 24 Stunden alles widerfahren war und wie er dies am besten Sarah erklären konnte. So etwas konnte er immer am effektivsten fertigbringen, wenn er nach getaner Arbeit auf der Toilette verweilte.
Vom Wohnzimmer her hörte er die aufdringliche Stimme des Nachrichtensprechers, der aus dem Fernseher die neuesten News verbreitete: „Zusammen mit der Führung des russischen Energiegiganten Gazprom hat Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder nun beschlossen, das Pipelinenetz in der Ostsee zu erweitern. Der Auftrag dazu kam direkt aus einem Puff in
St. Petersburg.“
Weil er mit dieser Information nichts anfangen konnte, grübelte Trevis weiter und spülte nocheinmal das Klo, nur so aus Langeweile und um Sarah vorzugaukeln, dass er noch immer beschäftigt war.
Dann aber hob der immer lauter und schriller werdende Newsmaster erneut an und posaunte:
„Gestern Abend konnte eine junge Frau, die einen Bauchschuss erlitten hatte, von der Polizei ins Krankenhaus gebracht werden. Ein junger Mann, vermutlich ihr Freund, unterlag seinen Verletzungen und starb noch am Tatort. Ein Motiv ist noch unklar, die Polizei ermittelt.
Bei mir ist jetzt zu Gast Officer Aaron Hunt, der zuständige…Bla, Bla, Bla…“, und Jakes Konzentration flaute wieder merklich ab. Er konnte sich nie wirklich lange auf einen bestimmten Vorgang konzentrieren. Aber diese Ansage hatte seine Neugier geweckt:
War nicht dieser Polizist, der ihn am Morgen verhaftete, dieser Aaron Hunt gewesen?
War er, Jake, vielleicht doch in diesen ominösen Fall verwickelt und er konnte sich einfach nicht erinnern? Was hatte diese komische frische Narbe auf seinem Bauch zu bedeuten und erst dieser verdächtige Zettel mit der Aufschrift „MÖRDER“, der übrigens immer noch an seiner verschwitzten Wampe hing? Er war mit seinen Kumpels in der Stadt zum Saufen,
aber konnte er auch am Tatort gewesen sein? Was hatte er für ein Motiv, um Justin zu töten?
Alle diese Fragen schwirrten jetzt in seinem Kopf herum und er verfluchte sich, dass er selbst die Antworten nicht kannte. „Verfluchter Suff“, dachte sich der immer wütender werdende Jake und spürte im selben Moment, wie sein Zunge trocken wurde.
Also stand er schließlich auf (es gab ein schmatzendes Geräusch, als Jake seinen Allerwertesten von der Brille löste), wusch sich die Hände, ging ins Wohnzimmer zu Sarah und mixte sich in seiner Hausbar eine klare Bowle (also Wodka, Tequila und Gin in einem Glas). Zufrieden ließ er sich neben seine Freundin auch die gemütliche alte Couch fallen und ließ schön einen fahren (man merkt, die beiden leben schon länger zusammen).
Plötzlich merkte er, dass Sarah neben ihm schlotterte und er beschloss, einfühlsam wie er war,
seine Fragen an sie auf einen späteren Zeitpunkt zu verschieben. Vermutlich war sie einfach froh, ihren Liebsten wieder bei sich zu haben. Beruhigt drückte er einen enormen Rülpser heraus und kratzte sich im Schritt.
„Womit hab‘ ich das verdient?“, wimmerte Sarah plötzlich und vor Erregung zerdrückte sie die Piccolo-Flasche Sekt in ihrer Hand. „Wieso hab‘ ich einen Knacki zum Geliebten?“, fragte sie dann lauter und stand abrupt auf.
Jake, den diese Situation wieder maßlos überforderte, sah sie fragend an und brachte nur ein
„Was zum Teufel?“ heraus.
„Mach mir nichts vor, Jake! Wir beide wissen, dass du ein armseliger Kleinkrimineller bist, der vermutlich letzte Nacht im Suff überreagiert und seinen besten Freund erschossen hat!
Du warst dabei, Jake, selbst die Polizei hat direkt Wind davon bekommen und dich mitgenommen! Wahrscheinlich bist du einfach aus der U-Haft ausgebrochen und die Bullen sind dir schon auf den Fersen…Ich halte das nicht länger aus!!!“
Dabei trat sie Jake vor das Schienbein und hastete in ihr Schlafzimmer. Die Tür schlug zu und der Schlüssel wurde im Schloss gedreht. Natürlich brüllte sie noch durch die geschlossene Tür: „Ich hasse dich!!!“ (Frauen sind nunmal theatralischer!).
Baff und irgendwie niedergeschlagen saß Jake einige Minuten vor dem Fernseher und wusste überhaupt nicht, was in den letzten Stunden mit seiner alten, heilen Welt geschehen war.
Plötzlich war er des Mordes verdächtigt, seine Frau hasste ihn, er lief Gefahr, nüchtern zu werden und sein kleiner Bruder war immer noch ein Vollidiot!
Im Fernsehen lief ein alter Schwarzweißfilm, indem zwei junge Weiße einem Farbigen
(in Ostdeutschland würde man Nigger oder Bimbo sagen) mit einem Gummihammer auf den Kopf hauten. Die lächerliche Slapstick-Szene wurde untermalt von schneller, unrhythmischer
Klaviermusik.
Genauso wie dieser Farbige (ostdeutsch: Nigger, Bimbo) fühlte sich Jake jetzt.
Irgendwas musste einfach geschehen, irgendwas musste er tun! Er konnte nicht zulassen,
dass ihm das Leben mit einem Gummihammer auf den Kopf schlug! Aber was sollte er unternehmen? Zuerst einmal kippte er seinen „Cocktail“ hinunter und sprang auf.
Im Flur der Wohnung zog er sich seinen alten Trenchcoat über und klopfte an Sarahs Tür:
„Schatz, ich werde nun selbst Nachforschungen über gestern Abend anstellen! Warte mit dem Zubettgehen nicht auf mich…“, sprach er leise und er zuckte zusammen, als von innen eine Glasflasche (über den Inhalt darf nun spekuliert werden) gegen die dünne Holztür geschmissen wurde. Man hörte ein Klirren wie von tausend Scherben!
Enttäuscht und müde verließ Jake die gemeinsame Wohnung und er war bereit, kalte Nachtluft zu schnuppern.
Den Fernseher hatte er angelassen und auf dem Bildschirm sah man, wie die beiden Weißen den Farbigen (ostdt.: Nigger, Bimbo) in ein Grab legten und dieses zuschaufelten. Aus der Graberde spross daraufhin sogleich ein gewaltiger Baumwollstrauch in die Höhe und das Klavier stimmte eine langsame, traurige Melodei an.

Kapitel VIII (Trevis)

Hochseefischen, Currywurst und nackte Leiber

Das Schreien der Möwen schallte über das weite, tiefblaue Meer. Die Sonne schien heiß auf die große, weiße Luxusyacht des Bürgermeisters Winfried von Whal. Trevis saß an der Reling und betrachtete apathisch grinsend das Wasser. Er war bis auf zwei große, rosa Schwimmflügel und einem Rettungsring in Dinosaurierform nackt. Er hatte eine kleine Fisher Price-Angel, an der ein Plastikfisch als Köder befestigt war, seelenruhig ins Wasser gehängt und genoß nun die Aussicht. Außerdem hatte sein Onkel Winfried ihn mit einem dicken Hanfseil an seiner eigenen Hüfte festgebunden. Sie waren, wie so oft, hochseefischen und während Onkel Winnie, wie Trevis ihn liebevoll nannte, einen Thunfisch nach dem anderen aus den Tiefen zog, ließ Trevis seine Füße vergnügt im kühlen Naß baumeln. Das war der verhängnisvolle Moment als ein ausgewachsenes Thunfischmännchen seinen Köder gepflegt ignorierte und sich stattdessen für seinen rechten Fuß entschied. Mit der Kraft einer Brechzange schnappte er zu und zog Trevis ruckartig in die dunklen Tiefen der Nordsee. Trevis nahm einen tiefen Luftzug und bemerkte in dem Moment als ihm das Wasser den Schlund hinunterrann, dass es wohl eine gute Idee gewesen wäre, dies vor dem Untertauchen zu machen. Er hustete und prustete doch das Wasser rann weiterhin unerbittlich in seinen Mund hinein. In diesem Moment stellte auch Winfried von Whal fest, dass Trevis über Bord gegangen war. Auf diesen Trichter kam er in dem Moment, als das dicke Hanfseil, beladen mit dem nicht unerheblichen Gewicht Trevis‘, ihn mit sich riß. Ein Aufprall an der Reling, ein lautes “Aua!” und schon war der Bürgermeister ebenfalls im Wasser. Im Gegenteil zu Trevis konnte dieser jedoch Schwimmen und so hielt er sich über Wasser, als Trevis auch schon grinsend auftauchte. “Ich hab einen gefangen, Onkel Winnie!”, sagte er fröhlich und zeigte ihm die für wahr übel zugerichteten Überreste des Thunfischs. Das Blut lief Trevis von den Lippen und Winfried von Whal bekam es mit der Angst zu tun, als er sich ausmalte, was sein Neffe wohl mit diesem Fisch angestellt hatte. Um den guten Jungen jedoch nicht zu beleidigen, tätschelte er ihm anerkennend den Kopf und sie erklommen die Yacht und machten sich auf den Weg nach Hause. Bevor sie zu Hause ankamen, bemerkte Trevis jedoch das stattliche Hirschgeweih, das Winfried über den Eingang zu seiner Kajüte positioniert hatte. Ohne groß über mögliche Konsequenzen nachzudenken, riss Trevis die beiden Geweihe des Schädels ab und steckte sie sich selbst in seinen Propellermütze.
Zuhause angekommen sah Trevis seinen Bruder Jake wie er vor der Tür stand. “Jake? Was machst du hier?”, fragte er betrübt und nackt, wie er immer noch war. “Sarah hat mich rausgeschmissen. Sie sagt, sie wolle keinen Knacki zum Freund. Ich bin seeeehr traurig Bruderherz”, lällte Jake zurück und der Gestank von billiger Klarbohle und diversen selbstgemachte Margherittas schlug Trevis entgegen. “Aber sag mal Trevis, warum zur Hölle bist du eigentlich nackt?”, fragte Jake. “Warum bist du nicht nackt Jake?”, entgegnete Trevis empört. Dies erschien dem zwar noch nicht volltrunkenen, jedoch gut angeschlagenen Jake als ein stichhaltiges Argument und daraufhin entkleidete er sich grinsend.
So wie sie Gott geschaffen hatte gingen sie nun erstmal zu Barbaras Currybude um sich eine schmackhafte Currywurst reinzupfeifen. Diese reagierte auf ihr Aussehen zwar leicht verwirrt, doch da sie die beiden kannte, fragte sie sicherheitshalber nicht weiter nach. Während Jake seine zehnte Currywurst mit einem doppelten Waldgeist hinunterspülte, erzählte er ihm wie Sarah ihn rausgeschmissen hatte.
“Die elende Schlampe meint, dass sie nicht mehr mit mir zusammen sein wolle und dabei habe ich ihr die besten Jahre meines Lebens geopfert. Außerdem bin ich doch unschuldig, ich weiß nicht, warum sie das nicht einsehen will.”
“Jake, wer hat denn den Justin nun totgemacht?”, fragte Trevis kindlich und saute mit der
Phantasie vom Schwein in indischer Soße (= Currywurst) herum.
“Das weiß ich nicht Trevis, aber ich sag dir, wenn ich den verhurten, eselfickenden Bastard finde, der das gemacht hat, dann ficke ich ihn solange in seinen bekackten Schädel bis…”
“Bitte fluch doch nicht so, Jake!”, wimmerte sein kleiner Bruder, der es nicht ausstehen konnte, wenn sein Bruder obszön wurde.
“T’schuldigung Trevis. Naja, jedenfalls habe ich den Mord nicht begangen. Ich würde echt mal gerne wissen, wer diesen Bullen auf mich gehetzt hat.”, murmelte Jake gedankenverloren
und kippte einen doppelten Birnenbrand hinunter. Geschmeidig tanzten die geschlagenen
45 % Alkoholgehalt seinen Rachen entlang.
“Hör zu, Jake, ich weiß wie das war, also hör mal gut zu!”, japste Trevis plötzlich erregt und sprang auf.
Jake schaute erstaunt und erwartungsvoll auf und schmunzelte.
“Sarah wollte Rache für Lucy, deswegen hat sie einen bösen, bösen Plan geschmiedet um mich zu ärgern. Sie hat dich umgebracht und Lucy ist schuld. Der Klaas hat davon nichts gewusst, aber der Onkel Winnie schon. Du hast dich dann bei dem Polizeimann verpfiffen und Sarah auch. Das heißt der wahre Täter ist eigentlich….Justin!!”
“Justin ist tot Trevis.”, raunzte Jake und schlug sich vor die Stirn.
“Eben. Irgendwer wollte nicht das dieser Mörder weiterlebt.”
“Halt die Klappe kleiner Bruder! Aber jetzt mal ehrlich, die Einzige, die darüber Bescheid weiß, ist doch Lucy und die liegt im Koma.”
“Was hat Sarah eigentlich den ganzen Abend getan? Sie war bestimmt die Mörderin und Lucy war ihre Komplizin und…”
“Trevis?”
“Ja?”
“Halt die Klappe!”
Als sich wachsende Verwirrung über den verzwickten Tatbestand des Geschehens breit machte, verfielen sie in wesentlich niveauloseres Lästern über Sarah und ihre Marotten. Jake erzählte einige schlüpfrige Details über ihr Sexualleben und versuchte auf Trevis verwirrte Frage: “Was ist Sex, Jake?” die Geschichte mit den Bienchen und den Blümchen zu erläutern.
Nach vollrichteter Arbeit ließen sie sich die Currywürste auf ihre seit Monaten nicht beglichene Rechung schreiben und gingen zurück zu Trevis Apartment.
Nun läuteten sie den ruhigeren Teil des Abends ein.

Kapitel IX (Sarah)

Teuflische Orgelklänge

Ein dunkler Schatten legte sich über das fahle Licht der alten Grubenlampe, die als einzige die schier unendliche Tiefe der grauen Kellergänge zu beleuchten vermochte. Die schimmligen Wände und zahlreiche parasitische Lebensformen, deren Anblick beim Menschen auf allgemeine Abstoßung traf, führten dazu, dass sich nur noch wenige Mieter des Wohnblocks in diesen Teil des Gebäudes wagten. Neben dem hauseigenen Krematorium und der dazugehörigen Totenkammer gab es noch zwei weitere Kellerräume im hintersten Teil des unergründlichen Labyrinths aus Gängen und Schächten. Einen davon bewohnte ein gewisser Marc D., belgischer Flüchtling und selbsternannter Körperkünstler, den man in der Vergangenheit hinter so mancher vorgehaltener Hand für das Verschwinden einiger minderjähriger Anwohnerinnen verantwortlich gemachte hatte. Abgesehen davon, war sein sonstiges Verhalten alles andere als normal, denn wie sonst sollte man es deuten, wenn ein gestandener Mann im besten Alter seine Wohnung nur an Sonn- und Feiertagen verließ, um mit einem alten Autoreifen Gummi-Twister zu spielen?
Wie dem auch sei…Schließlich gab es ja, wie schon erwähnt, noch einen zweiten Raum, dessen Existenz für den weiteren Verlauf der Geschichte von weit größerer Bedeutung sein sollte. Eben diesem näherte sich nun mit dumpfen Schritten, die die bedrückende Stille hier unten auf eine nur wenig angenehmere Weise durchbrachen als die schmerzverzerrten Schreie aus der belgischen Folterkammer, Sarah, die nach ihrem Streit mit Jake schon wieder fröhlich vor sich hinsummte: „Ein Dinosaurier…wird immer trauriger,…lalalalalala…!“.
Passend dazu schnipste sie mit ihren Fingern den Takt, während das Scheuern ihrer ausladenden Hüften am aufgerauten Beton der Wände einen rasselähnlichen Effekt erzeugte. Sie erreichte die Tür, trat ein und verschloss sie sorgfältig. „Endlich Ruhe!“, dachte sie zufrieden, während sie sich bedacht ihrer Kleidung entledigte und die alten Gummistiefel anzog, die sie angeblich brauchte, um sich in die richtige Stimmung zu bringen und ihren Gefühlen freien Lauf lassen zu können. „Hier unten wird mich Jake ganz bestimmt nicht stören.“ Sanft streichelte über sie die glatte Oberfläche der Moorboots und schaute hinüber zu dem 12-tausend Liter Salzwasseraquarium, das direkt neben der gotischen Kirchenorgel stand. Darin befanden sich fünf ausgewachsene Katzenhaie, welche sich ausschließlich von ihrem eigenen Nachwuchs ernährten und so keiner aufwendigen Pflege bedurften, was Sarah besonders schätzte.
„Ach ja, die besten Ideen kommen einem doch immer noch bei einer gepflegten Orgelsession, wenn sich Geist und Seele in perfekter Symbiose verbinden und einem so ganz neuen Wege der Kreativität eröffnen.“. Sie lachte. Laut, ekelhaft, männlich und nahm Platz auf dem Hocker vor der Orgel, die schon Zeuge von so manch teuflischem Gedanken geworden war. Vorsichtig und mit höchstem Respekt näherten sich die fleischigen Finger den Tasten des Instrumentes. TAAAAAAAAAA! Der erste Ton erklang und Sarah, deren Hüften die Sitzfläche des Schemels vollständig umschlossen, fühlte sich unmittelbar in einen Zustand der Entspannung und Freiheit versetzt, dessen Intensität sich mit zunehmender Tonabfolge mehr und mehr steigerte. Schon kurze Zeit später war sie nicht mehr Herr ihrer Sinne und schmiss Hände und Füße nur so über die zahlreichen Knöpfe, Hebel und Tasten. Bozart, Mach und van Bommelhoven; kein großer Meister der Musikgeschichte blieb verschont, denn sie kannte sie alle. Erst nach gut einer halben Stunde flachten die Töne allmählich ab und bei genauem hinhören, nahm man erste Worte wahr, die dem Mund der Künstlerin entflohen. „Tot! Khhhhhhhhhh! Er ist tot! Khhhhhhhhhh! Der fiese Tittengrabscher! Khhhhhhhhhh! Ja, ich habe ihn getötet, den Bastard, ich ganz allein und niemand wird es erfahren, haha! Keiner wird mich verdächtigen! Niemals! Warum auch? Khhhhhhhhhh! Wer kennt schon mein Motiv? Nur ich weiß, was letztes Jahr geschehen ist, in Rio, während des Karnevals. Justin, dieser kleine Perverse, er hat mich berührt! Ja, an die Titten hat er mir gegrabscht, nur weil seine Frau Lucy, dieses Gerippe, ihm nichts mehr bieten konnte. Sie soll auch verrecken, jämmerlich, und das Baby gleich dazu! Alle werden sie denken, dass Jake der Täter ist, er wird wieder in den Knast wandern!“. Völlig außer sich und von den Fesseln des Hass umschlungen, ballte sie ihre Faust und zerschlug das Glas des Aquariums. Das ausströmende Wasser riss Sarah zu Boden. Nackt wie er war, glitt ihr stämmiger, nasser Körper durch den Raum und begrub schließlich auch die kostbare Orgel unter sich. Sie schrie auf. Betäubt von der schieren Wut die sie beherrschte, drosch sie auf die zappelnden Katzenhaie ein, die schon bald ihrer unglaublichen Kraft unterlagen und einen raschen Tod fanden.
„Jaaaa, ich hab ihn beobachtet. Gestritten haben sie, er und Lucy. Er schoss ihr in den Bauch, ich ihm in den Kopf, die gerechte Strafe für einen geilen Bock, wie er es ist. Und eigentlich sind ja alle Männer geile Böcke und am liebsten würde ich alle töten!“
Dann war es mit einmal still. Sarahs Herz, das solche Strapazen nicht gewohnt war, musste sich wohl eine kurze Auszeit gegönnt haben und als es wieder zu schlagen anfing, verließ sie den kalten, nassen Raum und ging in die Wohnung zurück.

Kapitel X (Jake)

Ein erleuchtender Urlaub

Arm in Arm kamen Jake und Trevis splitterfasernackt am Abend in Trevis Wohnung,
in der es aussah wie im Kinderparadies eines Möbelhauses.
Von überall her lächelten Jake infantile, putzige Motive an und alles war mit Plüsch und Plastik ausstaffiert. Vermutlich hatte Trevis all diese Einrichtungsgegenstände auch aus einem Kinderparadies.
Insgesamt war die Wohnung jedoch eher klein und vollgestopft. In der Ecke stand ein Futonbett, auf dem eine Kuscheldecke mit einem Winnie-Pooh-Motiv (die für Trevis‘ Wanst freilich zu klein war) und ein FC- Bayern München-Kopfkissen lagen. An der Wand der Tür gegenüber hatte Trevis eine kleine Fernsehstation aufgebaut, die aus einem kleinen Fernseher und einem DVD-Player bestand. Als Jake sich Trevis‘ DVD-Sammlung genauer besah, musste er feststellen, dass sein Bruder auf ekelhafte Pornofilme stand, SM war da noch das Harmloseste!
Die Wohnung war Trevis quasi geschenkt, denn immer wenn der Vermieter am Monatsende seine Geld einforderte, heulte Trevis jedes Mal wie ein Kleinkind, schmiss sich auf den Boden und trommelte mit seinen massigen Fäusten darauf. Nicht selten bröckelte dann der Putz von den Wänden. Irgendwann hatte der Vermieter die Schnauze voll davon gehabt und ihn einfach vergessen und so lebte Trevis unbeschwert und gratis vor sich hin.
Beleuchtet (und hin und wieder mal belüftet) wurde die Behausung durch ein Fenster, das jedoch jetzt zerbrochen war und so einen kalten Luftzug hindurchblasen ließ. Jake hängte einfach eine weitere Kuscheldecke davor und zog sich dann rasch seine bequeme Sporthose
wieder an. Trevis machte sich in der Mikrowelle einen „Curryking“ (fertiges Currywurst-gericht, dessen Konservierungsstoffe eine berauschende Wirkung entfalten), warum auch immer, und Jake untersuchte nun genauer Trevis‘ Wichsfilmchen.
Irgendwie erinnerte ihn die Komposition von Kinderzimmer und widerlicher Sexualität an seinen letzten Thailand-Urlaub, der jetzt auch schon einige Jahre zurücklag, und melancholisch dachte er an seinen letzten Urlaub in Brasilien, den er noch zusammen mit Sarah und seinen anderen Freunden verbracht hatte. Seufzend ließ er „Teeny-Exzesse I-V“ fallen, machte sich ein Dosenbier auf und warf sich in die bunte Fernsehcouch.
Plötzlich fiel es ihm wieder ein: „Trevis“, rief er über die Schulter, „du hast doch noch einige Dias von dem Rio de Janeiro-Urlaub, oder nicht? Such die mal raus und wir machen einen lustigen Diashow-Abend!“
Sofort japste und hechelte Trevis wie ein Hund, der sich auf seinen Spaziergang freute, und ließ sich neben sein Bett fallen, unter dem er die Box mit den Urlaubsdias aufbewahrte.
Trevis musste sehr tief unter das eh schon niedrige Futon kriechen, was Jake keinen schönen Anblick bot (Trevis war immer noch nackt!). Endlich aber hatte er das Gesuchte gefunden und baute einen kleinen Diaapparat hinter der Fernsehcouch auf, der die Bilder auf die weiße Wand projizieren sollte. Jake saß unförmig auf dem Sofa, rülpste und spielte offenbar eine kleine Runde Taschenbillard. Die Currywürste lagen ihm schwer im Magen.
Als alles hergerichtet war und sich Trevis mit seinem Curryking und nun in seine Elephanten-
unterhose gekleidet neben Jake setzte, flimmerten die (meist) unscharfen Bilder an der versifften Wand. Schwermütig starrte Jake auf die bunten, sonnigen Erinnerungen, die die ganze Truppe (also Jake, Sarah, Trevis, Justin, Lucy und Klaas) zumeist besoffen oder in Begleitung von halbnackten brasilianischen Schönheiten zeigten. Eine heile Welt der Vergangenheit, die nun im Schutt von Verbrechen und Missgunst da lag und auf längst vergangene Tage zurück hoffen lässt. Traurig zerdrückte Jake seine Bierbüchse und ein kleines Tränchen lief seine linke Backe hinunter (nicht direkt weil er gerührt war, sondern weil die Glutamat- und Konservierungsdämpfe des Currykings scharf seine Augen angriffen).
Ein Diaphoto weckte jedoch seine Aufmerksamkeit und unbeholfen wie er war, lehnte er sich leicht vor.
Das Bild zeigte die Freunde, wie sie mitten im Strudel eines Karnevalszuges ekstatisch tanzten und billige Caipirinhas schlürften. Nackt stand Trevis auf einem der reich geschmückten Wagen und packte zwei junge Eingeborene um die ausladenden Hüften.
Jake selbst erkannte sich im Hintergrund mit einem Strohhalmhut auf dem Kopf beim Trichtertrinken und Klaas fummelte im Schatten eines Karnevalswagens an Lucy herum.
Jakes Augenmerk galt jedoch nun seiner Freundin Sarah und Justin, die offenbar in ihrer Bademode einen heißen Samba auf das Parkett legten. Einen sehr heißen Samba, denn Justins
Hand hatte ihren Weg in Sarahs Bikinioberteil gefunden, was dieser aber gar nicht zu gefallen schien: Angewidert drehte sie ihren Kopf weg von Justin.
Ein merkwürdiges Gefühl machte sich in Jake breit und das Dosenbier kam ihm (fast) wieder hoch. Sarah wurde von Justin angetatscht? Hatten sie vielleicht sogar mal was?
Die Bilder sprangen weiter und neben ihm quietschte Trevis vor Vergnügen, aber in Jakes Kopf rotierte es: Wenn Sarah von Justin damals belästigt wurde und seitdem einen Groll gegen Justin hegte, könnte sie ihn dann vielleicht auf dem Gewissen haben? Warum hatte sie nie etwas gesagt? War Justin womöglich noch weiter gegangen?
Alle diese Fragen und Vorwürfe ließen Jake keine Ruhe und er merkte bereits, dass es doch kein ruhiger Fernsehabend werden würde, als er erregt aufsprang und Trevis einen Schrecken einjagte, so dass dieser seine Currykacke auf den Boden fallen ließ. Sofort brannten sich die Chemikalien durch den günstigen Teppichboden und hinterließen roten, zischende Dampf.
Justin würde er nun leider nicht mehr zur Sau machen können (denn der war ja bekanntlich tot!), aber er musste unbedingt nochmal mit Sarah sprechen. Was hatte sie nur dazu bewegt,
ihn so leichtfertig aus der Wohnung zu schmeißen?
„Trevis, altes Haus, tut mir leid, aber ich muss zurück zu Sarah. Ich glaube, sie braucht mich nun mehr denn je und es gibt etwas, worüber wir unbedingt reden müssen. Ich komme dich demnächst nochmal besuchen. Daumen hoch!“, sagte Jake hastig, warf sich in sein mehr als verschwitztes Unterhemd, zog sich seinen Trenchcoat über und stürmte aus der Wohnung.
Trevis aber, dem das wieder alles zu schnell ging, baute den Diaprojektor ab und wollte sich einen Streifen für Erwachsene anschauen. Manchmal verstand er seinen Bruder einfach nicht!
Jake aber raste durch die kalte Dunkelheit in Richtung seines Wohnblockes, getrieben von den Geistern in seinem dicken Kopf.

Kapitel XI (Aaron Hunt)

Bereits der zweite Tag nach dem Mord…

Hätte er es nicht besser gewusst, so hätte Police Officer Aaron Hunt angenommen, dass ihm Jake Longdong höchstpersönlich gegenübersäße, wäre da nicht die abartig lächerliche Verkleidung des Mannes gewesen. Doch die seltsame Gestalt seines Gegenübers war Trevis, Jakes geistig umnachteter Halbbruder. Sein Haupt zierte eine kindlich wirkende Propellermütze, an die er links und rechts ein stattliches Hirschgeweih gebastelt hatte. Jetzt sah er irgendwie aus wie ein Umweltschützer auf Meskalin (also wie ein Politiker von Bündnis 90/ Die Grünen).
Seine Figur glich der seines Bruders, nämlich fett und unbeweglich. Nicht nur sein Gesichtsausdruck erinnerte Hunt an seinen kleinen Neffen Marv, denn auch auf seinem Pullover prangte ein riesiges Supermanlogo. Auch Marv, der gerade mal zarte acht Jahre alt war, liebte Superman.
Die Polizei hatte nach Jakes spektakulärer Flucht mit der Befragung eventueller Zeugen oder sonstiger Helfer begonnen und war direkt auf Trevis gestoßen, den zu befragen nun Aaron Hunts Aufgabe war. Sie hatten sich in einem netten, kleinen Café unweit des Rotlichtbezirkes getroffen, was Trevis’ Vorschlag war. Aaron hatte diesen Vorschlag natürlich dankend angenommen und bereitete sich nun innerlich auf das Verhör vor.
„Sehr erfreut Sie kennenzulernen, Mr Longdong…”, begrüßte Aaron den Mann.
„Hallo Mama!”, antwortete der Angesprochene mit hoher Fistelstimme. Hunt zog es vor, nicht weiter auf die Tatsache einzugehen, dass man ihn für eine Frau hielt, noch dazu für die Mutter dieses Jungen! Gelassen und weltmännisch fuhr er fort:
„Ich sehe, wir verstehen uns auf Anhieb gut, mein Junge. Also kommen wir gleich zum Wesentlichen: Wo warst du vorgestern Nacht?”.
„Mama sagt, ich darf nicht mit Fremden reden.”, weigerte sich Trevis.
„Hast du mich nicht eben deine Mama genannt? Nun sag schon, Kleiner oder du kannst wirklich was erleben.”, normalerweise funktionierte diese Art der radikalen Behandlung, doch nicht in diesem Fall.
Trevis schlug die Hände vor den Kopf und brüllte wie am Spieß. Dabei schlug er sich immer wieder selbst ins Gesicht, woraufhin ein Kellner kam und sich nach dem Wohlbefinden seines Gastes erkundigte. Aaron verneinte und zauberte eine Valiumspritze aus seiner Jackentasche hervor. Kopfschüttelnd rammte er sie Trevis in den Speck und zog durch.
Nachdem Trevis beruhigt war, konnte die Befragung weitergehen.
„Also Trevis, du wirst mir jetzt genau berichten, was an besagtem Abend vorgefallen ist, einverstanden?”, zwitscherte der Officer infantil.
Trevis nickte und sog die Spucke ein, die ihm schon die ganze Zeit aus dem Mund lief. Dennoch machte er keine Anstalten, dem Verlangen des Officers nachzukommen. Aaron seufzte und startete die Initiative.
„Was hast du vorgestern gemacht, mein Junge?”, begann er.
„Wir waren Bowling spielen”, antwortete Trevis knapp. Aaron war überrascht, wie flüssig diese Antwort aus ihm heraussprudelte. Nach einem kurzen Blick auf die Spritze, die er ihm kurz zuvor gegeben hatte, stellte er fest, dass es sich nicht um Valium handelte, wie der Officer erwartet hatte. Es war Morphium! Ein Glück, dachte er und wartete auf die weiteren Ausführungen von Trevis. Die Droge schien eine völlige Veränderung in Trevis hervorgerufen zu haben. Auf einmal verhielt er sich, als ob nie etwas von seiner Geisteskrankheit vorhanden gewesen wäre.
„Wir wollten feiern, was wir eigentlich jedes Wochenende ohne Grund tun. Ich war so froh, dass die Jungs mich mitgenommen haben!”, sagte Trevis, mit einem Male bierernst geworden.
„Wer war alles dabei? Jake, Justin? Noch jemand?”, unterbrach ihn Aaron.
„Klaas, wer sonst?”
Klaas Grinski…Der Name war Aaron und wohl auch jedem anderen Police Officer wohl bekannt. Grinski war ein berüchtigter Kleinkrimineller, der seit Jahren die Gegend unsicher machte. Hat er möglicherweise Justin umgelegt?, fragte sich Hunt.
„Wir waren schon alle sehr betrunken und bald kam es, wie es kommen musste: Wir waren pleite!”, erläuterte Trevis und suchte einen Fussel in seinem Bauchnabel.
„Was euch irgendwie nicht am Trinken gehindert haben kann, hab ich recht?”, mutmaßte Aaron.
„Jake wollte kurz frische Luft schnappen, ging nach draußen und kam mit Richie, dem Organhändler, wieder rein.”, berichtete Trevis weiterhin und schnipste das Gefundene in Aarons Mojito. Dieser bemerkte offenbar nichts und Trevis kicherte hinter vorgehaltener Hand.
Beim Klang dieses Namens sog Aaron scharf die Luft ein und begann sich allmählich alles selbst zusammenzureimen.
„Beide verschwanden auf der Toilette und kamen gut zwei Stunden später wieder heraus. Jake taumelte mehr als vorher. Später hat er uns gestanden, dass er für‘n Appel und‘n Ei seine rechte Niere verkauft hat!”, gestand Trevis.
„Daher kommt die Narbe auf Jakes Körper?”, der Officer lachte innerlich, als er an die Ganzkörperuntersuchung dachte, bei der ihm diese Narbe aufgefallen war. Was aber hatte dieser Zettel, auf dem „MÖRDER“ prangerte, zu bedeuten? War dies vielleicht eine falsche Fährte? Die Jungs aber hatten wohl ihren Spaß an besagtem Abend…Konnten sie auch einen Mord planen?
„Der Kneipenwirt hat die Polizei wegen eines Streits verständigt, der scheinbar ausgebrochen war. Habt ihr etwas damit zu tun gehabt?”, fragte Aaron gezielt weiter.
„Justin hat meinen Bruder wieder einmal beschissen und deshalb hat dieser verloren! Jake akzeptierte die Niederlage nicht und ein Streit wurde entfacht.”, brummelte Trevis.
„Das erklärt einiges…”, sagte Aaron wissend. Das alles passte perfekt zu dem Bild, das er sich gemacht hatte, dass Jake der Mörder sein musste!
„Wie auch immer, so gegen vier haben wir uns getrennt. Danach bin ich noch zu Action Cora gegangen. Die ist immer so lieb zu mir und streichelt mich so nett.”, ein Grinsen breitete sich dabei auf Trevis’ Gesicht aus und auch Aaron konnte ein verlegenes Lächeln nicht unterdrücken. Action Cora war die Puffmutter des populärsten Freudenhauses in der Umgebung. Er selbst hatte sich schon persönlich des Öfteren davon überzeugt.
„Später, es war so gegen sechs Uhr morgens, wollte ich dann nach Hause gehen”, setzte Trevis seinen Bericht fort.
„Und da hast du Justin und Lucy gefunden, die schwer blutend in einer Seitenstraße lagen, und uns angerufen, richtig?”, fragte Aaron.
„Richtig, Mama”. Trevis schien allmählich wieder in die alte Rolle des geistig Umnebelten hereinzufallen. Aber mehr wollte der Officer nicht mehr wissen. Nun war er sich vollends sicher, wer der Mörder Justins war.
„Danke für das Gespräch, Kleiner”, lachte er Trevis triumphierend an.
„Du mich auch, Sie Arsch”, entgegnete Trevis, was Aaron endgültig davon überzeugte, dass wieder alles beim Alten war, was Trevis’ Geisteszustand anbelangte. Ohne ein weiteres Wort verließ Trevis das Café und ließ einen leicht verdutzten Officer zurück.
Dieser bestellte sich eine kleine Cola-light, um auf seinen Triumph zu trinken…Vielleicht müsste er demnächst die Wohnung der Longdongs gezielter überwachen, aber zunächst gab er der jungen, hübschen Bedienung einen Klaps auf den Hintern, als sie seinen Tisch passierte.

Kapitel XII (Jake)

Verliebt, verlobt, verheiratet…vermöbelt!

Gedankenverloren und irgendwie deprimiert stiefelte Jake Longdong mutterseelenallein durch die kalten Straßen seiner Heimatstadt. Freundlich grüßten ihn die Nutten per Kopfnicken, aber trotzdem kam er sich verlassen und verraten vor.
Vor einem Schaufenster eines Geschäfts für Treppenlifte hielt er inne und starrte in die schwarzen, müden Augen seines Spiegelbildes, das ihm spöttisch zuzuzwinkern schien.
Was war nur geschehen in dieser gottverdammten Nacht, die sein Leben komplett umgekrempelt hatte? Warum konnte er sich einfach nicht auf Sarah verlassen und warum hatte sie sich von Justin begrapschen lassen? Wusste sie womöglich mehr, als sie zugab?
Irgendwie vermisste er seine Frau sehr. Jake musste lächeln, als er an ihren letzten gemeinsamen Wochenendausflug dachte, der nun auch schon wieder zwei Monate zurücklag.
Es kam ihm jedoch wie vor acht Wochen, als sie auf geklauten elektrischen Rollstühlen eine Tour an die Côte d’Azur gemacht und ihre gemeinsame Zeit in vollen Zügen (aus der Weinflasche) genossen hatten. In Avignon hatten die zwei Verliebten an einer köstlichen Weinprobe teilgenommen (die Franzosen verstanden es einfach, billigen, gepantschten Tafelwein als Ambrosia zu verticken!) und später hatte Jake noch einen furztrockenen 96er Bordeaux Ochsenömmel de la Chanson aus Sarahs Bauchnabel geschlürft. Auf seine Zunge legten sich jetzt noch imaginäre Fussel, als er daran zurückdachte.
Nun aber tropften ihm Regentropfen und Vogelkacke auf den lichten Schädel und das Ticken seiner gefälschten Rolex erinnerte ihn an seine Sterblichkeit: „Mensch, bedenke das du sterblich bist!“, raunte er seufzend und setzte seine Schritte in Richtung ihrer gemeinsamen Wohnung fort. Hoffentlich schaute Sarah noch den „Fernsehgarten“ und hatte sich noch nicht in das Reich der Träume zurückgezogen.
Als Jake endlich (völlig außer Atem) seine Etage erreichte, saß sein turkmenischer Hausfreund vor seiner Tür und hatte offenbar den gesamten Flur vollgekotzt.
Mit einem Fußtritt schickte Jake den Hartz IV-Empfänger die Treppe hinunter und er ließ es sich nicht nehmen, hinterherzubrüllen: „Ihr Kanacken kotzt doch nur unsere Flure voll, klaut unsere Jobs und bumst unsere Frauen!“.
Nun aber stand er gespannt vor seiner billigen Sperrholztür und seine Faust zitterte.
Es war zwar spaßig gewesen, seinen verlotterten Nachbarn mal so richtig rundzumachen, aber jetzt musste er sich seiner wütenden Frau stellen und der Wahrheit (die er vermutlich nicht verstehen würde). Aber er fasste sich ein Herz, schrie: „L’homme, c’est moi!“ (dt.: Der Mann bin ich!) und trat mit einem Ruck die Tür aus den Angeln.
Aus seiner ehemaligen Wohnung drangen plötzlich laute Disko-Klänge und Jake musste feststellen, dass Sarah im Wohnzimmer in Unterwäsche auf dem niedrigen Couchtisch tanzte und sich mit einer Magnumflasche Sekt den Arsch gab. In ihrer Euphorie (und in ihrem Suff)
schien sie Jake gar nicht zu bemerken, denn als der Song schneller wurde, steigerte sie sich in eine halzbrecherische Breakdance-Einlage hinein, deren Anblick Jake schon irgendwie scharf machte. Dann aber fiel sie seitlich vom Tisch und die große Flasche (nicht Jake, sondern die SEKTflasche!) flog im hohen Bogen in die Stereoanlage.
„Schatz?“, erkundigte sich Jake liebevoll und wollte Sarah aufhelfen, als diese jedoch aufsprang und sich heulend auf das Sofa warf.
„Weiber!“, dachte Jake, aber weil er kleine Brötchen backen wollte, ging zu ihr hinüber und streichelte ihr sanft den Rücken. Die so Behütete aber weinte nur noch lauter und wickelte sich in eine Wolldecke ein (schon, damit Jake ihr nicht den BH aufmachte!), die immer auf der Lehne der Couch gelagert wurde.
„Sarah, ich weiß, dass ich Mist gebaut habe und du hast jedes Recht dazu, mir das Rückgrat zu brechen, aber bitte brich mir nicht mein Herz!“, versuchte es Jake mit einem typischen „Nur-die-Liebe-zählt“-Spruch, der einfach ins Schwarze treffen musste!
Das tat er auch…irgendwie.
Sarah sprang plötzlich wie eine Furie auf und schlug Jake mit geballter Faust vor die Nase.
Winselnd fiel dieser zurück und fragte sich wieder einmal, warum er ihr diesen überteuerten Selbstverteidigungskurs für Frauen finanziert hatte.
Die Schlagfertige aber rannte ans Fenster und stemmte einen schweren Blumenkübel aus Steingut in die Höhe. Langsam schritt sie damit auf Jake zu und sprach:
„Warum konntest du elender Verlierertyp nicht einfach im Knast verrecken oder von einem Panzer überfahren werden? Warum hast du immer so ein scheiß Glück?“
Sie kam immer näher und Jake kroch rückwärts zur Wohnungstür, als sie erneut hasserfüllt anhob: „Alles war doch perfekt geplant! Du wärst für den Mord an Justin, den ICH, ICH (!!!) auf dem Gewissen hab, in den Knast gewandert und ich hätte deine schmierige, fette Fresse nicht mehr sehen müssen! Irgendein sexuell Desorientierter hätte ein Stopfgans aus dir gemacht und ich hätte von deinen Geschäften gut gelebt…Aber nein: Jake Longdong kann fliehen und die Bullerei ist zu blöd, um dich zu schnappen! Jetzt aber werde ich es zu Ende bringen, was mit dem Mord an Justin begonnen hat…Ich werde dich TÖTEN!!!“
In diesem Moment warf sie schreiend den Blumenkrug nach Jake, der jedoch erneut ausrutschte und so flog die Vase ins Treppenhaus und Jake hatte keine Zeit, um auf den Aufprall zu warten: Sarah attackierte ihn nun mit bloßen Händen (und künstlichen Fingernägeln!).
Mit Mühe und Not gelang es ihm, seine verrücktgewordene Frau von ihm wegzuwerfen, als der Police Officer, der ihn zuvor verhaftet hatte, schwitzend die Treppe hochkeuchte, einen Revolver in der Hand. „Hände hoch!“, japste er und Jake, der am Boden lag, stand auf und warf die Arme in die Luft. Sarah lag zitternd und nackt am Boden und rührte sich nicht weiter. Plötzlich nahm sie nochmal all ihre Kraft zusammen und schleuderte eine leere Wodkaflsche in Richtung der beiden Männer, aber diese verfehlte ihr Ziel und zersprang an der Wand.
Langsam schritt der Polizist auf die beiden zu. Nun würde alles aufgeklärt werden.

Kapitel XIII (Aaron Hunt)

Showdown und endgültige Auflösung eines teuflischen Plans

Irgendwie kam ihm die Gegend bekannt vor, dachte Aaron Hunt zum wiederholten Male, seit er sich in seinem Lieblingsdonutladen zur Mittagspause breit gemacht hatte. Und plötzlich fiel es ihm wie Schuppen von den Augen, denn gegenüber lag das Haus des berüchtigten Mörders Jake Longdong. Und war nicht eben erst ein Mann dort vorbei gekommen? Was soll’s, dachte Aaron, schließlich hab ich gerade Pause.
Nachdem er fein säuberlich alle Donutkrümel auf seinem Tisch wie ein Staubsauger aufgesaugt hatte, begab er sich nach draußen, um wieder ins Revier zu fahren. Erst da fiel ihm der Krach auf, der aus dem Haus auf der anderen Straßenseite, kam. Jake Longdongs Haus!
Nun war Aaron Hunts große Stunde gekommen, sich der ganzen Welt zu beweisen und als strahlender Held den hinterfotzigen und brutalbösen Schurken Jake Longdong dingfest zu machen!
Erhobenen Hauptes schritt der Officer über die Straße und zog dabei seelenruhig seine Dienstwaffe aus dem Halfter hervor. An der Haustür angelangt, ging er in eine gebückte Haltung über, wobei er die Waffe dich an seine Wange hielt. Mit der anderen Hand kramte er sein Funkgerät hervor und forderte Verstärkung an.
Nach dem dritten Versuch, die Tür mit dem Fuß einzutreten, entschied sich Aaron geknickt, doch lieber durch das offen stehende Fenster zu klettern.
Immer wieder konnte man Schreie aus der oberen Etage des fünfstöckigen Hauses hören und Aaron war fast sicher, dass sich Jake wieder seinen Trieben hingab und irgendwen ermordete.
Dicht an die Wand gedrückt, schlich er die quietschenden Stufen hinauf und konnte sich nur in letzter Sekunde vor einem Blumentopf retten, der knapp seine Schulter verfehlte.
Oben angekommen, sah er, was passiert war: Jake Longdong und seine Frau hatten
offensichtlich einen heftigen Streit, wobei dennoch beide erwartend zur Treppe, und somit zu
Aaron selbst, blickten. Es vergingen einige lang gezogene Sekunden, in denen sie sich einfach
nur gegenseitig anstarrten. Erst dann ergriff Sarah Longdong die Initiative und schleuderte fast gleichzeitig eine leere Flasche nach ihm und ihrem Mann.
„Polizei! Auf den Boden und niemandem wird etwas geschehen!“, brüllte Officer Aaron Hunt befehlend. Er freute sich darüber, denn das wollte er immer schon mal sagen.
Kurz darauf hörte Aaron die Sirenen von gleich mehreren Polizeiautos, die sich schnell dem Haus näherten. Aber der Officer dachte nicht daran, sich den Ruhm für die Verhaftung Longdongs von seinen Kameraden nehmen zu lassen!
Er hatte gerade noch die Zeit, den beiden Handschellen anzulegen, als auch schon Carl und Lou die Treppe hinaufkamen. Er fragte sich zwar selbst, wieso er Sarah auch fesselte, aber es würde schon seinen Nutzen haben. Triumphierend blickte er seinen Kameraden entgegen, erhob sich und ging langsam mit erhobenem Kopf aus dem Haus heraus.
„Kümmert euch um sie, Männer“, wies er beiläufig seine Kollegen an.
Erst jetzt sollte die wirkliche Arbeit beginnen, denn das Befragen aller Beteiligten würde mindestens die ganze Nacht lang dauern…

Am nächsten Morgen saß Aaron Hunt an seinem Computer im Polizeipräsidium und tippte seinen Bericht ab. Die letzte Heldentat hatte ihm eine Beförderung zum Chief Inspector eingebracht und so tippte er nun fröhlich vor sich hin:

„…und so gestand Sarah Longdong den Mord an Justin Grabowski. Zum Ablauf des Abends ist nicht viel zu sagen: Nachdem sich der fälschlicherweise verdächtige Jake Longdong von seinen Kameraden getrennt hatte, ging er ohne Umschweife nach Hause. Justin G. hatte später am selben Abend einen Streit mit seiner Freundin Lucy M., was vermutlich darauf zurückzuführen ist, dass sie von Justins Freund, dem Kriminellen Klaas Grinski, geschwängert wurde. Infolgedessen schoss Justin seine Freundin nieder und verhöhnte die Verletzte. Plötzlich, jedoch von ihr geplant, trat Sarah L. hervor und erschoss Justin G.,
noch bevor sich dieser flüchten konnte.
Zum Motiv: Vor wenigen Jahren waren beide, Mörder und Opfer, auf einer Rio de Janeiro Reise, um dem Karneval zu frönen, wobei Justin G. die Mörderin Sarah L. diverse Male sexuell belästigte, was diese zu ihrer Tat veranlasste. Jedoch war dies nicht das direkte
Hauptmotiv: Vielmehr wollte sie ihren Mann Jake L. loswerden, in dem sie ihm den Mord an
Justin G. anhing. Es kam ihr hierbei gelegen, dass ihr Mann und Justin kurz vor der Tat einen heftigen Streit hatten, der alle Indizien so auf Jake L. lenkte.
In der Nacht desselben Tages klebte sie dann ihrem Mann den Zettel mit der Aufschrift „MÖRDER“ auf den Bauch, da dieser wieder einmal total besoffen nach Hause gekommen war. Sarah L. wollte ihren Mann wegen mangelhaftem und unflätigem Benehmen auf diese Art aus dem Weg räumen, wie ich bereits oben abfasste.
Nur der unglaublichen Auffassungsgabe des ruhmreichen Chief Inspectors Aaron Hunt ist es zu verdanken, dass größeres Unheil verhindert wurde und Sarah Longdong sicher hinter Gittern sitzt.“ (Aaron grinste bei diesen Zeilen)
„Die zerstörten Gefängniszellen werden Trevis Longdong in Rechnung gestellt, dieser ist jedoch nicht weiter zu belangen.“

Entspannt und voller Endorphine lehnte sich Aaron Hunt in seinem neuen Chefsessel zurück und steckte sich eine Havanna an. Wie sollte er seinen Erfolg nur jetzt feiern? Koks und Nutten…Sauforgie mit Lou und Carl…seine Frau zum Essen einladen (nein, lieber nicht!)…
Oder doch irgendwelche Nigger verprügeln?
Als Chief Inspector hatte man es nicht eben leicht, aber irgendeiner muss den Job ja machen!

Bonuskapitel XIV (Trevis)

Völlig sinnloses Kapitel, das eigentlich keiner mag

Trevis wanderte fröhlich, mit den Armen weit ausholend, über die Straße. Ein Auto ging unter lautem quietschen in die Eisen und schaffte es nur wenige Zentimeter vor Trevis zum Stehen zu kommen. Dieser ignorierte dies gepflegt und setzte sich mitten auf die Kreuzung, um mit seinem neuen Kreisel zu spielen. Dieser war rot und weiß gefärbt und Trevis bemerkte, dass er große Ähnlichkeit mit einem Bonbon hatte. Ohne lange zu überlegen steckte er ihn sich auch schon in seinen breit grinsenden Mund. Auf einmal sprang er erschrocken auf, als ein weiteres Auto ihn nur um Millimeter verfehlte. Im Aufspringen verschluckte er den Kreisel und verfiel in einen starken Würge- und Hustenanfall. Verwirrt und sich unter Schmerzen windend irrte er durch die Gegend auf der Suche nach Hilfe, als ihm der Atem versagte. Da stolperte er über das Geländer der Brücke, auf der er sich mittlerweile befand, und stürzte mehrere Meter in die Tiefe um in einem Lastwagen voller Hühner zu landen. Diese sprangen auf, zerkratztem ihm die Dunstkiepe und gackerten wild. Trevis sprang auf und bemerkte zu seiner großen Freude, dass er den Kreisel ausgespuckt hatte. Aber wohin? Wie ein tollkühner Berserker ging er auf die Hühner los, packte sie und schmiss sie zur Seite, auf der Suche nach seinem Kreisel. Der Lastwagen erbebte und wackelte unter dem Gewicht dieses randalierenden Kolosses. Doch selbst als alle Hühner geköpft, die Plane des LKW’s abgerissen und die Ladefläche ramponiert war, hatte Trevis seinen Kreisel, den ihm sein geliebter Onkel geschenkt hatte, nicht gefunden.
Völlig verzweifelt stieg er von dem Wagen ab, boxte im vorbeigehen den fluchenden Fahrer und lief dann ziellos auf der Kraftfahrtstraße umher. Wie konnte er seinem Onkel je wieder unter die Augen treten, wenn er ihm gestehen musste, dass er diesen wunderschönen Kreisel verloren hatte. Es war an der Zeit einen Entschluss zu fassen.
Trevis kramte wenig später sein letztes Geld aus seinem Apartment zusammen. Sein geschlachtetes Sparschwein, zusammen mit dem Unigeld und dem Taschengeld vom letzten Monat machte schon ein beachtliches Sümmchen aus. Mit der prall gefüllten Börse ging er stolz zum Flughafen und nahm den erstbesten Flug nach Somalia. Die Entscheidung für dieses Land war ihm spontan gekommen, er hatte mal eine Reportage im Fernseher gesehen, in der es hieß, dass da alles voller “Schokoladenkinder” war und das wollte er gerne sehen. Nach langer Wartezeit und diverser Drinks ging er zum Schalter. Dort verlangte man von ihm sein Ticket, welches er aber partout nicht weggeben wollte, da er sein ganzes Geld dafür gegeben hatte. Nach einigem Hin und Her, dem einschreiten der Flughafenpolizei und einer wilden Prügelei landete Trevis vor der Tür des Flughafens und betrachtete melancholisch sein davonfliegendes Flugzeug. Aber wenigstens hatte er sein Ticket behalten dachte er sich, als er die im Dutyfree-Shop erstandene Fünf-Liter-Flasche Jack Daniels ansetzte.

Se Äntt

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Der Sprung

February 27, 2007 · Leave a Comment

Der Sprung
Es war schon spät. Der Mond schien hell, verdeckt zwar, doch in seiner Pracht nicht getrübt von den vereinzelten Wolken, die sich über den, ansonsten klaren Himmel erstreckten. Die Sterne funkelten und eine leichte Brise zog über dass Land. Der Ozean lag still und weit vor ihm und reflektierte den Schein des Mondes. Das Zirpen der Grillen drang leise aus dem Garten. Es war ein wunderschönes, nahezu kitschiges Bild welches sich Hassan bot, während er gemütlich an seiner langen Pfeife paffte. Er war Mitte siebzig und sein scharfes, dunkel gebräuntes Gesicht, welches von einem weißen Bart überzogen war, zeigte die Spuren vieler Jahre. Er hatte eine lange, gebogene Nase, welche er, trotz des Spottes seiner Frau, als seine stolze Adlernase bezeichnete. Seine Ohren, welche die unangenehme Eigenschaft hatten wechselseitig auf der einen Seite heiß und auf der Anderen kalt zu sein, waren zudem noch in den letzten Jahren, bedingt durch sein Alter, gewachsen, wie er zu seinem Leidwesen, bei jedem Blick in den Spiegel feststellte. Insgesamt war sein Gesicht ein reiner Ausdruck der Zeit und man hätte ihn für weitere zehn Jahre älter halten können, wären da nicht sein Augen. Diese feurigen, energiegeladenen und unbezähmbaren Augen, welche zu gleich einen jugendlichen, fast schon naiv wirkenden Enthusiasmus als auch eine tief sitzende Weisheit ausstrahlten. Sie waren, wie ihm auffiel, bis auf einige Ausnahmen, so ziemlich dass einzige Körperteil an ihm, welches seine Frau nicht durchgehend kritisierte. Doch selbst seine sonst so lebendigen Augen, waren in letzter Zeit leicht getrübt. Er war in ein sündhaft teures Hemd gekleidet, welches am Hals drei Knöpfe weit geöffnet war und seine üppig behaarte Brust zum Vorschein brachte, auf der eine kleine goldene Kette ruhte. Die Ärmel des Hemdes waren umgekrempelt bis zum Ellbogen und brachten seine trotz des Alters starken, wenn auch mit Altersflecken übersäten Arme zur Geltung, welche in seine, ebenfalls kräftigen, doch nicht durch körperliche Arbeit geprägten, weichen Händen ausliefen. Seine mit Nadelstreifen verzierte Hose, wurde durch einen Gürtel mit einer breiten Schnalle gehalten. Seine Füße steckten in handgefertigten, italienischen Lederschuhen. Seine Frau machte sich, wenn sie mal gerade nicht damit beschäftigt war über seinen Körper herzuziehen, über die Tatsache lustig, dass er diese Kleidung sogar in seinem eigenen Haus zu tragen pflegte, selbst wenn er keinen Besuch erwartete. Doch er liebte es, wie sie mit ihrem bissigen Humor seine Art kritisierte, denn er wusste wie liebevoll dieser Akt von ihr gemeint war. Während er so an seiner Pfeife paffte und an seine Frau dachte, fiel ihm auf, dass er dies immer noch in der Gegenwart tat. Es hieß niemals, dies und jenes machte die liebe Aisha immer, nein immer dachte er an sie, als ob sie nie gegangen sei. Doch eben dieser Gedankengang führte ihn wieder zu der unweigerlichen Tatsache zurück. Nun packte ihn wieder die Wehmut, welcher er die letzten Tage nahezu erfolgreich verdrängen konnte. Er ließ die wunderschöne Zeit, die ihnen gemeinsam vergönnt war, Revue passieren. Ohne sie war er wertlos, ja sein Leben konnte schon kaum mehr als solches bezeichnet werden. Es war wohl eher ein dahinvegetieren, dachte er sich. Er stand von dem alten, kunstvoll gearbeiteten Ledersessel auf, nahm einen weiteren Zug aus der duftenden Pfeife und bewegte sich an den Rand seiner Terrasse, welche auf der vorderen Seite, über die Klippen hinausreichte und einen direkten Sprung ins dunkelblaue Meer ermöglichen würde, wenn dieses nicht so tief läge. In seiner Jugend war er von so einigen Klippen gesprungen. Er war immer der erste von seiner damaligen Clique, der eine neue Gefahr wagte. Doch vor diesem Sprung hatte er stets Respekt gehabt, auch schon vor jenem verhängnisvollen Abend. Damals war es sehr dunkel, der Mond schien nicht in jener Nacht. Aisha hatte ein großes Tablett mit einer klein geschnittenen Wassermelone in der Hand. Irgend ein Tier hatte sie wohl erschreckt, sie trat diesen verhängnisvollen Schritt zurück und verschwand in der Dunkelheit. Abermals durchdrang ihn der Schmerz, wie er so die scharfen Felsen und die sich an ihnen brechenden, aufschäumenden Wellen betrachtete. Nur ein paar Meter weiter zur Seite und sie hätte die Felsen verfehlt, nur etwas mehr Wind und sie wäre vielleicht noch am Leben. Es hätte so viele Möglichkeiten gegeben, wie das Schicksal hätte abgewendet werden können. Er hatte zum Beispiel nie ein Geländer an der Terrasse befestigt. Es nahm einem Abgrund seine ganze Ästhetik, seinen gefährlichen Reiz. Hätte er doch auf sie gehört, eine kleine Mauer hätte schon gereicht. Doch es war vergebens, solche Gedanken durch zuspielen. Das wusste er und hatte trotzdem die Monate seit ihrem Tod nichts anderes getan. Äußerlich folgte er sogar einem mehr oder minder geregelt anmutenden Leben. Er machte sich sein Essen alleine, regelte seine Geschäfte, empfing seinen Sohn, seine Enkel, seine zwar leicht dümmliche, aber eigentlich ganz nette Schwiegertochter. Zu mindestens zwang er sich, so über Letztere nett zu denken. Doch ehrlich gesagt, war sie noch nicht einmal nett. Nein, sie war eine Gott verdammte, zickige, hassenswerte Plage. Sie war den ganzen Tag nur damit beschäftigt Intrigen zu spinnen und vor ihren lächerlichen Freundinnen anzugeben. Eigentlich war es nicht Er,sondern Aisha, die daran fest hielt, dass sie nett sei. „Nett“, schon allein dieses Wort war schrecklich. Man bezeichnete eine Person doch erst dann als nett, wenn man nach reichhaltiger Überlegung kein einziges, auch nur ansatzweise lobenswertes Attribut an einer Person gefunden hatte. Aisha zwang sich wahrscheinlich auch nur ihres Sohnes zuliebe, sie „nett“ zu finden. Zudem benahm sich sein Sohn ihm gegenüber sehr merkwürdig seit dem Tod der Mutter. Irgendwie verständlich, schließlich war es auch für ihn ein schrecklicher Verlust. Doch irgendwo in seinem oberflächlichem Gerede, oder vielleicht sogar gerade deswegen, spürte Hassan eine Spur Kälte ihm gegenüber. Fast schon hatte er dass Gefühl, dass ihm die Schuld gegeben wurde und war es vielleicht nicht auch so. Er war es doch, der das Geländer nicht gebaut hatte. Er hatte keine Außenbeleuchtung angebracht. Er hatte sie nicht halten können. Es hatte alles keinen Sinn. Einzig wahr blieb, dass er lebte und sie nicht und dass er sich von ganzem Herzen wünschte er hätte für sie sterben können.
Seine Pfeife war mittlerweile ausgebrannt. Er leerte und säuberte sie bedächtig, blickte wieder zum Himmel empor und in einer Phase, tiefster Unlust am Leben, einer Phase tiefster Depression sah er einen Vogel fliegen. Es war wohl ein kleiner Mauersegler, so genau kannte er sich da nicht aus. Doch war er plötzlich voller Neid auf diesen Vogel. Wie er frei durch die Lüfte segelte und sich keine Gedanken über die lächerlichen Probleme der Menschen zu machen brauchte. Erhaben über jegliche Gewalt des menschlichen Alltags flog er durch die Lüfte. Ach, wie gerne wäre Hassan wie dieser Vogel. Plötzlich fasste er einen Entschluss, er ließ die Pfeife sinken und begann zu rennen. Mit voller Geschwindigkeit sprintete er die wenigen Meter bis zum Abgrund, die ihm wie eine Ewigkeit vor kamen, machte einen kräftigen Sprung und segelte über den Rand der Terrasse dem Meer entgegen.
Die Zeit stand still. Keine Gedanken mehr. Endlich! Grenzenlose Freiheit, die er so ersehnt hatte. Er genoss den Wind auf seiner Haut und in seinen langen Haaren. Der Grund kam näher, schnell näher. Schlagartig wurde er aus seiner ekstatischen Trance in die Realität gezogen. Während er das Meer und die Felsen auf sich zu rasen sah, ungewiss welches der Beiden sein Schicksal sei. Eins wusste er mit absoluter Gewissheit: Er werde jeden Augenblick seines Lebens, egal ob dieses noch lange währen oder gleich an den Felsen zerschellen würde, voller Freude und Dankbarkeit leben.

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